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Risse in der Wand messen

Riss und Riss sind Zweierlei (manchmal)

erschienen am 5/3/2012

Risse in Wänden oder auf der Deckenunterseite führen häufig zu Irritationen bei Bauherren. Recht schnell kommen Ängste auf, zumal (scheinbar) immer mehr Risse erkennbar werden.

Werte Bauherren und Neueigentümer – es lohnt sich zunächst einmal den Ball flach zu halten und Ihren Ängsten nicht allzu viel Raum zu geben. Risse in Massivbauteile sind etwas ganz Normales und kein Grund zu erhöhter Besorgnis.

Risse in Betondecken 

Diese Risse haben mit hoher Wahrscheinlichkeit 2 mögliche Ursachen:

  • Schwinden des Betons: Beton ist ein Gemisch aus Sand, Kies, Zement und Wasser. Das Wasser ist unabdingbar für die Reaktion des Zements der im Zuge des Mischvorgangs die Sand- und Kiespartikel umhüllt und miteinander verklebt. Aufgrund dieser Verklebung der Zementmoleküle miteinander ergibt sich nach und nach der hochfeste Baustoff Beton. Um sicherzustellen, dass der gesamte Zement reagiert, wird dem Gemisch etwas mehr Wasser hinzugegeben als eigentlich notwendig wäre. Dieses Wasser wird im Verlauf des Erhärtungsvorganges wieder abgegeben. Ähnlich wie bei einem Kuchen, erfolgt die Wasserabgabe, das Austrocknen des Betons an der Oberfläche schneller wie im Inneren der zumeist dicken Bauteile. Und genauso wie bei einem Kuchen bilden sich dadurch Risse an der Betonoberfläche.
  • Betondecken müssen reißen, damit sie ihre volle Tragfähigkeit entwickeln. Stahlbeton ist ein Baustoff, bei dem die Aufgaben klar verteilt sind. Der Beton nimmt die Druckkräfte auf, der Stahl die einwirkenden Zugkräfte. Zugkräfte entstehen wenn sich eine Decke unter ihrem Eigengewicht durchbiegt. Und dies ist immer so. Auch bei der Decke, die sich gerade über ihnen befindet oder auch bei der Decke auf der Sie gerade stehen oder sitzen. Durch diese Durchbiegung entstehen an der Deckenunterseite Zugkräfte. Der Beton, dieses erstarrte Gemisch aus Sand, Kies, Zement und Wasser, kann diese Zugkräfte nicht aufnehmen, es bilden sich Risse und jetzt erst kann der Stahl die Zugkräfte wirklich aufnehmen.
  • Sofern sich in neu erstellte Bodenplatten oder Betondecken ausgeprägte netzartige Risse  an der Oberfläche zeigen, sollten Sie aufmerksam werden und nachfragen, denn dann wurden handwerkliche Fehler begangen. Betonbauteile müssen in den ersten Tagen nach dem Betonieren vor zu schneller Austrocknung geschützt werden. Ein zu schnelles Austrocknen tritt z.B. auf wenn die Betonoberfläche beständig durch Wind überströmt wird, die Sonne die Oberfläche sehr stark erwärmt oder frostige trockene Luft die Feuchtigkeit an der Oberfläche quasi herauszieht. Eine Folge dieses zu schnellen Austrocknens sind die netzartigen Rissstrukturen die sich an der Oberfläche bilden. Das sieht dann so ähnlich aus wie die Risse in ausgetrockneten Schlammpfützen. Beton muss durch Abdecken oder besprühen mit einer filmbildenden Flüssigkeit nachbehandelt werden.

Risse im Putz

Auch hier sind zumeist Schwindvorgänge – beschleunigte Wasserabgabe an der freien Putzoberfläche – die Ursache. Putz sollte immer gleichmäßig dick aufgetragen werden, damit er gleichmäßig durchtrockenen kann – sprich die Wasserabgabe ziemlich einheitlich  abläuft. Wenn Putze unterschiedlich dick aufgetragen werden, brauchen die dickeren Bereiche deutlich länger zum Austrocknen als die dünneren und es kommt zu einer verstärkten Rissbildung. Bei handwerklich sorgfältiger Ausführung treten kaum Risse auf, gänzlich auszuschließen sind sie aber nicht.

Daher ist die Verwendung von Tapeten als Wand- oder Deckenbelag eine recht elegante und zumeist auch preiswerte Möglichkeit, dieser sich einstellenden Rissbildung durch eine rissüberbrückende Auflage – die Tapete – zu begegnen .Eine tapezierfähiger Putz ist auch wenn er noch tapeziert wird, erheblich preisgünstiger als eine streichfertig erstellte Putzoberfläche, die ohne Aufbringen einer Tapete gleich gestrichen wird.

Auch im Außenputz können Risse auftreten.

Da die Putzfassade die Wetterschutzschicht des Hauses darstellt, sind diese Risse mit erhöhter Aufmerksamkeit zu betrachten. Auf den schlagregenbelasteten Bereichen sollten auch kleine schmale Risse  schnell mit faserarmierter Farbe übertupft werden um ein Durchschlagen des Regens auf das unter dem Putz liegende Mauerwerk zu verhindern. Durch die Verwendung faserarmierter Leichtputz und Gewebeeinlagen im Bereich von Materialwechseln und an den Ecken von Öffnungen oder vollflächiger Gewebeeinlagen lassen sich derartige „Risschen“ weitgehend verhindern. Eine sorgfältige und handwerklich einwandfreie Arbeit ist dabei Grundvoraussetzung

Risse im Übergang Dachschräge zu Wänden bzw.  Dachschräge zu Kehlbalkenlagenuntersicht

Sie sind ein leidiges Thema und obwohl sie im Bauwesen immer wieder thematisiert werden noch immer nicht befriedigend gelöst. Am Übergang zwischen der Bekleidung der Dachschräge zu senkrechten Wänden kommt es immer wieder zu „Rissen“.   Dem geneigten Leser werden die Ausführungszeichen aufgefallen sein. Ehrlicherweise handelt es sich dabei nämlich nicht um Risse sondern um Fugen zwischen Bauteilen die sich unterschiedlich und unabhängig voneinander bewegen. Jedes Dach bewegt sich, es verformt sich z.B. unter Windeinwirkung. Die dem Wind zugewandte Seite dellt sich unter dem Winddruck nach innen ein, während sich die windabgewandte Seite unter dem ziehend wirkenden Windsog ausbaucht. Diese Bewegungen finden unaufhörlich statt und führen zu kleinen Bewegungen in den Anschlussbereichen. Es gibt kein Material, das diesen unaufhörlichen Bewegungen auf Dauer gewachsen ist.

Was man tun kann und meines Erachtens auch tun sollte, ist diese Bewegungen zulassen. Man kann solche Übergänge „maskieren“, d.h. man ordnet eine Struktur an die diese Fuge verdeckt, z.B. Schattenfuge oder Abdeckprofil. Früher wurden diese Anschlüsse alle ausgerundet, aber das ist eine ziemlich teure Angelegenheit.

Risse können auch andere Ursachen haben.

Wenn sich Bauwerke verformen oder sich Bauteile gegeneinander verschieben, passiert zunächst einmal scheinbar gar nichts. Es bauen sich Spannungen zwischen den Bauteilen auf, die, wenn sie eine bestimmte Größenordnung überschreiten, sich in Form von Rissen zeigen. Mit dem Auftreten des Risses/der Risse hat sich die Spannung dann erst einmal abgebaut.

Thermische Spannungsrisse

Diese treten auf wenn zwei Materialien die sich in ihrem thermisch Verhalten, z.B. Längenänderungen, deutlich voneinander unterscheiden nebeneinanderliegen und überputzt werden. Die typische Situation sind Betondecken als Flachdach und das darunterliegende Mauerwerk der Garage. Beton hat eine andere, sehr viel höhere, thermische Längenänderung als das Mauerwerk. Die Decke fängt an zu schieben und es kommt zur Rissbildung in der Fuge zwischen Decke und Wand oder in der Steinlage darunter. Die Risse beschränken sich häufig auf die Eckbereiche. In solchen Fällen bleibt nur – am besten vorausschauend schon in der Planung – die Anordnung von Gleitschichten und die Trennung der Putzflächen gegeneinander oder besser noch das Überdecken der Bewegungsfuge durch die Deckenrandverkleidung

Setzrisse

Eine andere mögliche Ursache sind Setzungen im Baugrund. Diese Setzungen sind normale Vorgänge. Risse entstehen dann, wenn es innerhalb der Bauwerkaufstandsfläche Setzungsunterschiede gibt - auf der einen Seite oder an einer Ecke des Hauses ist die Setzung größer als auf der anderen Seite. Derartige Setzungsunterschiede sind normal und werden zumeist billigend in Kauf genommen.  Wenn man sie völlig vermeiden wollte, müssten Bauherren erhebliche Mehrkosten (15 bis 20% der Bausumme oder mehr) für Sondergründungsmaßnahmen in Kauf nehmen. Während Schwindrisse zumeist linienförmig sind und die Rissufer sich nicht gegeneinander verschieben, treten Setzrisse meist in Gruppen auf, haben häufig einen treppenartigen Verlauf und zeigen gegeneinander verschobene Rissufer.

Erkenntnisse über das voraussichtliche Setzungsverhalten des Baugrundes können nur durch ein Baugrundgutachten gewonnen werden. Sind aufgrund der Baugrundaufschlüsse Setzungsunterschiede zu erwarten, kann durch eine geeignete Ausführung der Gründung konstruktiv darauf reagiert werden.

Wenn solche abgetreppten Rissbilder auftreten, sollten sie beobachtet und dokumentiert werden. Fotografieren Sie diese Risse, messen Sie die Rissbreite(n) mithilfe eines sogenannten Rissbreitenlineals (sh. Bild). Um die Rissentwicklung zu dokumentieren empfiehlt es sich Rissanfang und Rissende mit einer Bleistiftmarkierung und Datumseintrag zu markieren.

WICHTIG: Zeigen Sie die Risse gegenüber dem bauplanenden, bauleitenden Architekten oder dem Hausersteller schriftlich an. Sie als Hauseigentümer haben keine Risse bestellt, verwenden Sie daher ruhig den Begriff Mängelrüge.

Risse durch Erdbeben

Risse können auch durch Erdbeben hervorgerufen werden. Informationen dazu gibt es über Rundfunk und Fernsehen oder als Information der verschiedenen Erdbebendienste, z.B. den Erdbebendienst Südwest http://www.lgrb.uni-freiburg.de/led_pool/led_2_1.htm .

Sollten Sie aufgrund einer Erdbebenmeldung eine entsprechende Vermutung haben, verständigen Sie bitte kurzfristig Ihre Gebäudeversicherung.

Wenn Sie sich nicht sicher sind, dann fragen Sie doch einen Bausachverständigen. Positiver Nebeneffekte: Firmen und Versicherungen gehen anders mit Ihnen um und die Mängelbeseitigung geht häufig auch etwas schneller.

Fragen und/oder Anregungen?

Verwenden Sie bitte das Kontaktformular auf meiner Homepage www.bauberatungbernau.de.

Grüße aus dem Schwarzwald

Dipl.-Ing. (FH) Marc Ellinger

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