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Experteninterview gesund bauen und wohnen: Wenn das Haus krank macht

Experteninterview gesund bauen und wohnen: Wenn das Haus krank macht

erschienen am 7/29/2011

Darauf sollten Bauherren bei der Baustoffauswahl für den Hausbau achtenViel Zeit verbringen wir mittlerweile in geschlossenen Räumen. Umso wichtiger ist, dass die Raumluft unsere Leistungsfähigkeit nicht beeinträchtigt oder gar krank macht. Was früher vor allem Familien mit kleinen Kindern und Allergiker interessierte, ist mittlerweile für breite Teile der Bevölkerung ein wichtiges Thema: gesund bauen und wohnen. Obwohl viele Produkte bereits verboten sind, kommt es auch in Neubauten immer wieder zu hohen Schadstoffkonzentrationen. Ein Gespräch mit Josef Spritzendorfer, Experte für Baustoffe und Wohngesundheit, über Schadstoffe, Sanierungsmethoden und die richtige Baustoffauswahl für das eigene Haus.

Frage 1: Schadstoffbelastungen durch Formaldehyd, Asbest oder Holzschutzmittel findet man ja nach wie vor in vielen Häusern der 60er und 70er Jahre. Sie beraten vor allem Bauherren, die heute ein Haus bauen - finden sich denn solche Schadstoffe nach wie vor auch in "zugelassenen" modernen Baustoffen?

Josef Spritzendorfer:
Richtig ist, dass zwischenzeitlich viele gesundheitsschädliche Produkte als verboten vom Markt verbannt worden sind - dennoch sind wir auch in zahlreichen Neubauten mit teilweise sehr hohen Schadstoffbelastungen konfrontiert. Dies betrifft manche Ersatzwirkstoffe beispielsweise in Holzschutzmitteln, aber auch Baustoffe – sowohl mit dem krebserzeugenden Formaldehyd, Styrol als auch mit zahlreichen Glykolen und anderen schwerflüchtigen Lösemitteln (sogenannte SVOC) auch aus gekennzeichneten „lösemittelfreien“ Farben und Lacken. Letztere sind oft Schadstoffe, die nicht als „Lösemittel“ deklariert werden müssen. Daneben erleben wir regelmäßig zahlreiche weiteren „Emissionen“ aus Estrichen (Toluol, Azeton), aus Dichtmassen und Dämmstoffen, vor allem aber auch viele Gerüchen und Emissionen, die zwar nicht „toxisch“ bewertet werden, für Allergiker und empfindliche Hausbewohner aber sehr wohl stark belastend sein können. 

Die zunehmende Luftdichtheit des Hauses durch (grundsätzlich natürlich erfreuliche) zusätzliche Dämmmaßnahmen und energetische Optimierungen sowohl im Neubau als auch bei Sanierungen, führt oft zu sinkenden Luftwechselraten und damit einer Konzentration solcher Belastungen. Oft bewirken solche Maßnahmen aber bei mangelhafter Planung/Ausführung auch massive Schimmelprobleme.

Frage 2: Was empfehlen Sie Familien, die über „Gesundheitsprobleme“, verursacht durch Wohnraumbelastungen klagen? Wie kann eine erfolgreiche Sanierung des Hauses geplant werden?

Josef Spritzendorfer:
Wichtig ist vor allem die Ermittlung der Art der Belastung – darauf aufbauend die Suche nach den Verursachern. Voraussetzung dafür ist eine umfassende Raumluftprüfung (Formaldehyd, flüchtige organische Verbindungen (VOC), schwerflüchtige Lösemittel SVOC, Schimmel – bei älteren Häusern auch Holzschutzmittel, PCB (Polychlorierte Biphenyle) und PAK (polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe) durch Experten zum Beispiel von der AGÖF Arbeitsgemeinschaft ökologischer Forschungsinstitute e.V., vom 
VDB Berufsverband Deutscher Baubiologen oder vom
IBN Institut für Baubiologie. Meist lassen sich die „Verursacher“ bereits aus der so ermittelten Art der Belastungen ableiten und Produkten/Bauteilen zuordnen – in Einzelfällen sind aber auch entsprechende zusätzliche Materialproben-Untersuchungen erforderlich. Erst dann sollte mit dem Fachmann ein umfassendes Sanierkonzept erarbeitet werden – Spontanmaßnahmen auf bloßen Verdacht verursachen oft unnötige Kosten und führen zu keiner nennenswerten Verbesserung.

Frage 3: Welche Methoden der Sanierung gibt es bei einer Schadstoffbelastung im Haus?

Josef Spritzendorfer:
Bei der Auswahl der „Sanierungsmethode“ sollte stets ein „Entfernen“ der Schadstoffquelle bevorzugt werden. „Maskierungen“ oder „Absperrungen“ mittels Lacken, Folien etc. sollten nur dann eingesetzt werden, wenn aus statischen Gründen die Verursacher nicht entfernt werden können. Dabei sollten dann aber ebenfalls emissionsarme Produkte ausgewählt werden, um nicht neue, zusätzliche Belastungen einzuschleppen oder das Raumklima durch komplettes „Einkapseln“ zu belasten. Bei Formaldehydsanierungen konnten wir beispielsweise sehr gute Erfahrungen mit einem schadstoffgeprüften „Schafwollvlies“ machen, das diffusionsoffen ist und Formaldehyd über einen langen Zeitraum abbaut.

Frage 4: Wie können Bauherren vermeiden, schadstoffbelastete Bauprodukte beim Hausbau einzusetzen?

Josef Spritzendorfer:
Grundsätzlich sollte bei allen eingesetzten Produkten (auch bei Bauhilfsstoffen) vom Lieferanten ein wirklich „glaubhafter“ Nachweis der Schadstoffarmut gefordert werden. Eigenaussagen der Hersteller wie „rein ökologisch, daher gesund“ sind ebenso unglaubwürdig, wie Einzelzeugnisse „frei von Formaldehyd, PCP, Lindan“ wenn dahinter nicht eine umfassende Schadstoffprüfung belegt werden kann. Hersteller, die solche Nachweise verweigern, haben in den meisten Fällen etwas zu „verbergen“. Hier sollte der Verbraucher vehement auf seinem Informationsrecht beharren.

Frage 5: Gibt es denn glaubwürdige Orientierungshilfen für die Baustoffauswahl, zum Beispiel „Gütezeichen“, die Sie empfehlen würden?
 
Josef Spritzendorfer:
Leider bieten nur sehr wenige, wirklich industrieunabhängige, inhaltlich „strenge“ Produktlabels ausreichende Sicherheit für eine umfassende wohngesundheitlich optimierte Beratung – und dies mittels transparenter (veröffentlichter) Kriterien. Wir bevorzugen bei unseren Bewertungen die Gütezeichen vom eco Institut Kölnnatureplusund Eurofins, betrachten aber auch dabei nochmals die eigentlichen Prüfzeugnisse im Hinblick auf unsere eigenen gesundheitlichen Bewertungskriterien. Für Produkte mit dem grundsätzlich begrüßenswerten „industrie-initiierten“ Emicode (z.B. EC1+ = sehr emissionsarm) werden leider in vielen Fällen die eigentlichen Emissionswerte seitens der Hersteller verweigert. Handwerker sollten darüber hinaus „verpflichtet“ werden, möglichst „staubarm“ zu arbeiten und ebenfalls vorher alle verwendeten Produkte zu benennen; auch bei Reinigungsmaßnahmen sollten Bauherren auf besonders emissionsreiche Produkte (meist auch am Geruch erkenntlich) verzichten.

Eine ausführliche Auflistung möglicher Schadstoffe beziehungsweise möglicher Schadstoff-Quellen im Haus finden Bauherren beim Umweltinstitut München

Eine umfassende Produkt- und Bauberatung für Allergiker und Chemikaliensensitive Menschen bietet die Sentinel-Haus Stiftung e.V.

Quelle: Josef Spritzendorfer / www.aktion-pro-eigenheim.de

Urheber der Bilder:

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