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Bild Zinsen August 2017

Zinsanstieg im Sommer

erschienen am 07.08.2017

  • Trendwende bei zehnjährigen deutschen Staatsanleihen und Notenbank-Rhetorik lassen Baugeld im Juli auf Jahreshoch steigen
  • EZB kündigt mit Blick auf stabile Konjunktur- und Inflationsdaten zaghaft langsame Abkehr von bisheriger Geldpolitik an
  • Interhyp-Bauzins-Trendbarometer: Experten sehen kurzfristig eine Seitwärtsbewegung

Obwohl man den Sommer gemeinhin als Saure-Gurken-Zeit bezeichnet, mangelt es zumindest in diesem Jahr nicht an relevanten Nachrichten. Der G-20-Gipfel in Hamburg zu Monatsbeginn brachte trotz schwieriger Vorzeichen vor allem aus wirtschaftspolitischer Sicht eine gewisse Sicherheit - schließlich konnten sich die anwesenden Regierungschefs auf ein grundlegendes Bekenntnis zum Freihandel einigen. Ein weiteres Highlight im Juli: Die Renditen zehnjähriger deutscher Staatsanleihen haben sprunghaft zugelegt. Sie zogen auf mehr als 0,5 Prozent an, nachdem sie vor gut einem Jahr unter die 0-Prozent-Marke gefallen waren und lange im negativen Bereich verharrt haben. Ein Grund für die sinkende Nachfrage nach den sicheren deutschen Schuldscheinen: Einige Investoren spekulieren auf eine Zinswende an den Märkten - ausgelöst unter anderem durch erste zaghafte Andeutungen der Europäischen Zentralbank, langsam von der ultralockeren Geldpolitik abzukehren. Vor diesem Hintergrund konnten Immobilieninteressenten mit Kreditbedarf im Juli zusehen, wie die Zinsen für zehnjährige Immobiliendarlehen um fast 0,2 Prozentpunkte zugelegt haben. Sie bewegen sich damit Anfang August über der 1,5-Prozent-Marke und markieren ein Jahreshoch. Statt einem Sommerloch gab es also ein Jahreshoch. Die gute Nachricht: Für den August ist zumindest bei den Zinsen kein weiteres Hoch wahrscheinlich.

Zins- und Marktumfeld

Die positiven Konjunkturnachrichten reißen im Sommer nicht ab. Die Eurozone hat im Frühjahr beim Wirtschaftswachstum zugelegt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg in der Eurozone im zweiten Quartal um 0,6 Prozent, wie die Statistikbehörde Eurostat Anfang August mitgeteilt hat. Im ersten Quartal hatte das Plus in den 19 Staaten mit 0,5 Prozent noch etwas daruntergelegen. Der Wirtschaftsaufschwung belebt zugleich den Arbeitsmarkt. Im Juni ist die Arbeitslosenquote laut Eurostat mit 9,1 Prozent auf den tiefsten Stand seit mehr als acht Jahren gesunken. Auch wenn die Inflation mit 1,3 Prozent im Euro-Raum im Juli deutlich hinter der Zielmarke von zwei Prozent zurückbleibt – EZB-Chef Mario Draghi wertete die aktuellen Zahlen als kräftige Erholung und als Indiz für einen Erfolg der bisherigen Geldpolitik.

Bei aller Euphorie bleibt jedoch abzuwarten, wie weltweite Investoren die weitere Entwicklung in Deutschland einschätzen. In den vergangenen Jahren galten hiesige Staatsanleihen als besonders sicherer Hafen, wofür auch negative oder geringe Zinsen in Kauf genommen wurden. In den nächsten Monaten wird sich zeigen, wie Anleger die Bundestagswahl, die Diesel-Affäre oder die Eurostärke bewerten. Denn: Die Automobilindustrie ist der mit Abstand bedeutendste Industriezweig mit knapp einer Million Beschäftigten und einem Umsatz von mehr als 400 Mrd. Euro in 2016. Der Euro indes könnte die deutsche Konjunkturlokomotive ebenfalls etwas bremsen. Er liegt aktuell in etwa auf einem 2,5-Jahres-Hoch. Derzeit ist davon jedoch nichts zu spüren. Deutschland weist mit 3,8 Prozent eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten in der Eurozone aus und besonders die Nachfrage nach Fachkräften ist im Sommer 2017 ungebrochen stark.

Der Interhyp-Expertenrat

Natürlich ist der Zinsanstieg beim Baugeld für Kreditnehmer ärgerlich, verteuert er doch einen Immobilienkredit auf mehrere Jahre gerechnet um einige Tausend Euro. Im langfristigen Vergleich aber sind und bleiben die Baugeldkonditionen ausgesprochen attraktiv. Zudem sollten niedrige Zinsen ohnehin nicht die Hauptmotivation für einen Immobilienerwerb sein. Entscheidend ist es, die individuelle Situation gut zu analysieren und die dafür am besten geeignete Finanzierungsstruktur zu entwickeln. Und das am besten, bevor man auf die Objektsuche geht. So wichtig es dabei ist, sich die Parameter und möglichen "Zusatzausstattungen" passgenau auf den Leib schneidern zu lassen - eine Grundregel ist im Zinstief Pflicht: nämlich hohe Tilgungsraten von mindestens zwei, besser drei Prozent.

Kurz und knapp: Das sagen die Experten

Langfristig sehen die Marktbeobachter unverändert einen Trend hin zu höheren Zinsen. Ausschlaggebend für diese Einschätzung bleiben der leichte Wirtschaftsaufschwung in der Eurozone sowie die Ankündigung der Zentralbanken, die ultralaxe Geldpolitik zu drosseln.

Fazit

Zum aktuellen Zeitpunkt scheinen die Wirtschaftsprognosen und –daten im Zinsniveau eingepreist. Das gilt ebenso für die ersten Anzeichen der EZB, die Zinspolitik künftig zu straffen. Für ein hohes Zinsniveau reichen diese Vorzeichen jedoch noch lange nicht. Zudem wird sich zeigen müssen, wie nachhaltig der an den Märkten eingeschlagene Weg tatsächlich ist. Das gilt primär für die Wirtschaft in Europa und in den USA, aber auch für die Wirtschaft in Asien.

Im Detail: Die Aussagen der Experten im Interhyp-Bauzins-Trendbarometer

  • PSD Bank RheinNeckarSaar: "Die Aussicht auf ein mögliches Ende der lockeren Geldpolitik und die gute wirtschaftliche Entwicklung Europas dürfte zu moderaten Zinssteigerungen führen. Erste Anzeichen für den Anstieg des Zinsniveaus sind bereits am Kapitalmarkt erkennbar."
  • MünchenerHyp: "Wir erwarten mittelfristig weiterhin leicht steigende Zinsen, da die EZB nicht umhinkommt, den Exit aus dem QE-Programm im Herbst 2017 den Marktteilnehmern zu erläutern. Der Ausstieg wird unseres Erachtens behutsam und vorsichtig gestaltet werden; aber er wird eingeläutet werden. Problematisch erweist sich für die EZB noch immer der zu langsame Anstieg der Inflationsrate, was ja mittlerweile auch ein Thema für die meisten Zentralbanken geworden ist. Deshalb sehen wir im kurzfristigen Bereich für den Monat August einen gleichbleibenden Zinstrend, der allerdings immer wieder Schwankungen unterworfen sein wird, die möglicherweise geopolitisch bedingt sind."
  • Sparkasse zu Lübeck: "In seiner Rede vom 20.07.2017 hat EZB Präsident Draghi einen Wechsel der geldpolitischen Ausrichtung der europäischen Zentralbank für den kommenden Herbst angekündigt. Die Notenbank will einen kontinuierlichen, aber vorsichtigen Ausstiegspfad aus der Nullzinspolitik einschlagen. Vor diesem Hintergrund rechnen wir mit einem leichten Anstieg des Zinsniveaus für langfristige Hypothekendarlehen."
  • Postbank: "EZB-Präsident Draghi hat sich auf der letzten Pressekonferenz mit Aussagen zum zukünftigen geldpolitischen Kurs der EZB zwar zurückgehalten. Wir gehen angesichts der positiven konjunkturellen Entwicklung und des allmählichen Anstiegs der Kerninflation jedoch unverändert davon aus, dass die geldpolitische Wende in der Eurozone langsam aber sicher näher rückt. Dies spricht einerseits für einen allmählichen Anstieg der Kapitalmarktzinsen, andererseits aber auch gegen größere Sprünge in der näheren Zukunft. Vor diesem Hintergrund sollten sich die Konditionen für längerfristige Hypothekendarlehen in den nächsten Wochen nicht grundlegend verändern. Mittelfristig sollte aber mit einem Anstieg der Darlehenszinsen gerechnet werden."
  • ING DiBa: "Bis zum EZB-Treffen Anfang September sollten die Kapitalmarktzinsen stabil bleiben. Die Marktteilnehmer können die Urlaubszeit genießen. EZB Präsident Draghi wird erst im September weitere Hinweise auf den vorsichtigen Einstieg in den Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik geben. Dadurch sollten die Zinsen weiter steigen."
  • Allianz: "Die Zinsen haben in den letzten Wochen auf die Ankündigungen der Zentralbanken mit einem sanften Anstieg reagiert. Die Zentralbanken haben angekündigt, den Kurs der letzten Wochen mit ruhiger Hand fortzusetzen, entsprechend werden die Zinsen weiterhin steigen."
  • HypoVereinsbank: "Zwei Faktoren dürften den Renditetrend in den kommenden Monaten bestimmen: die Inflationsentwicklung und die Liquiditätswende der Notenbanken. Die Inflationsentwicklung nimmt starken Einfluss auf den Zinsanhebungspfad der US Notenbank, welcher wiederum deutlich auf das Renditeniveau in den USA und in der Eurozone abfärbt. Wir gehen davon aus, dass die US-Inflationsrate wieder nach oben tendieren wird. Die Liquiditätswende von Fed und EZB wurde unlängst "anmoderiert". Bis zum Jahreswechsel dürfte in beiden Regionen mit der Umsetzung begonnen werden."
  • Commerzbank: "Die Anleihemärkte dürften im Vorfeld der Ankündigung über die Reduzierung der EZB-Anleihekäufe nervös handeln. Hinzu kommt, dass die US-Inflation nach einer durch temporäre Faktoren verursachten Schwächephase wieder etwas anzieht, sodass auch die Fed mit ihrer geldpolitischen Straffung auf Kurs bleibt. Vor allem das lange Ende in den USA scheint durch die Fed-Bilanzreduzierung ab September gefährdet. Insgesamt rechnen wir daher mit leicht ansteigenden Zinsen am langen Ende in den kommenden Wochen. Mittelfristig hat sich das Bild kaum geändert. Zwar schreitet die wirtschaftliche Erholung in der Eurozone stärker als erwartet voran. Sowohl die Frühindikatoren als auch die Inflationszahlen bergen im weiteren Jahresverlauf jedoch Abwärtspotenzial. Sobald der Markt mehr Klarheit über den langsameren Exit-Plan der EZB erhält, sollten die Zinsen in allen Laufzeiten wieder etwas fallen. Wir bestätigen unsere Prognose für 10j Bund-Renditen von 0,4% zum Jahresende und rechnen nicht mit einer Leitzinserhöhung der EZB vor 2019."

Quelle:Interhyp

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