Die Zinsen gehen nach oben – bleiben aber moderat
Neues aus der Welt des Bauens und Wohnens
bild zinsen 03-18

Die Zinsen gehen nach oben – bleiben aber moderat

erschienen am 02.03.2018

  • Konditionen für Immobilienkredite steigen 2018 um 30 Basispunkte
  • Starker Euro, schwache Inflation
  • Interhyp-Bauzins-Trendbarometer: kurzfristig seitwärts

Mirjam Mohr, Vorstand Privatkundengeschäft der Interhyp AG

"Sehen wir in diesen Tagen eine Abkehr aus dem Tal der tiefen Zinsen, das Bauherren in Deutschland in den vergangenen drei Jahren Konditionen von unter zwei Prozent beschert hat? Im Juli 2017 habe ich an dieser Stelle geschrieben, dass eine Trendwende oftmals nicht zu dem Zeitpunkt erkennbar ist, an dem sie eingeleitet wird. Damals hatte die EZB erstmals vorsichtig eine Abkehr von der ultralaxen Geldpolitik in Aussicht gestellt. Wie von mir und der Mehrheit der Markteilnehmer erwartet, markierte dieses rhetorische Signal nicht den sofortigen Wendepunkt der Zinsen. Es dauerte noch knapp sechs Monate, bis wir im Januar und Februar dieses Jahres deutliche Zinsbewegungen erlebten. Die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen verdoppelten sich seit Jahresbeginn um mehr als 100 Prozent auf aktuell 0,7 Prozent. Die Konditionen für Baugeld legten ebenfalls zu - bei zehnjährigen Zinsbindungen um rund 30 Basispunkte auf aktuell rund 1,6 Prozent. Gleichzeitig drehte an den erfolgsverwöhnten Aktienmärkten der Wind. Es kam zu deutlichen Korrekturen bei Dow Jones, Dax und Co. Nun stellt sich erneut die Frage: Ist dies ein Wendepunkt?

Die Antwort darauf hängt nicht zuletzt davon ab, wie man diese Entwicklungen betrachtet und langfristig einordnet. Seit gut 30 Jahren zeigt der Bauzinstrend nach unten. Von über 9 Prozent in den 1990er-Jahren sanken die Zinsen in den 2000er-Jahren auf rund 4,5 Prozent und seit 2010 auf unter 3 Prozent. Zum jetzigen Zeitpunkt spricht einiges dagegen, dass die Zinsen in den kommenden Monaten signifikant steigen werden. Einen Grund zu dieser Annahme bringt nachfolgendes Zitat aus dem jüngsten Sitzungsprotokoll der Europäischen Zentralbank gut auf den Punkt. "Die hereinkommenden Informationen waren zwar erneut positiver im Hinblick auf Wachstumsaussichten des Euroraums, bestätigten aber die Angemessenheit der aktuellen geldpolitischen Ausrichtung, da das starke Wachstum weiterhin mit schwachem Preisdruck einhergeht", heißt es darin. Die Zentralbanker wollen ihre Kommunikation demnach nur sehr behutsam anpassen - und damit die Zinsentwicklung. Diese marginalen Schritte können zwar in Verbindung mit anderen Marktzahlen augenblicklich zu starken Zinsbewegungen führen, wie wir sie in den vergangenen Wochen gesehen haben. Ob sie in der mittel- und langfristigen Betrachtung eine deutliche Zäsur darstellen, bleibt abzuwarten."

Zins- und Marktumfeld

Grundsätzlich ist die Wirtschaft so robust ins neue Jahr gestartet wie 2017 geendet hat. Und dabei verzeichnete die Bereitstellung von Waren und Dienstleistungen in Europa 2017 bereits das höchste Wachstum seit zehn Jahren. Die EU-Kommission hat ihre Prognose für die Eurozone und für die gesamte EU noch einmal nach oben geschraubt. 2018 und 2019 soll die Wirtschaft stärker wachsen als zunächst angenommen. Im Jahr 2018 wird in den Euro-Ländern mit einer Zunahme des Bruttoinlandprodukts (BIP) um 2,3 Prozent gerechnet. Die Wachstumsraten entsprechen in etwa denen vor Ausbruch der Finanzkrise, die aktuell in weite Ferne gerückt scheint. Allerdings gibt es auch einige Risiken, wie die Auswirkungen des Brexit, neue weltweite Handelsbarrieren sowie die schwelende Nordkorea-Krise. Ebenfalls schwer abzusehen sind im Moment die Auswirkungen des starken Euro, der Mitte Februar auf ein Drei-Jahreshoch gestiegen war und damit exportstarken EU-Ländern wie Deutschland zum konjunkturellen Verhängnis werden könnte, weil deutsche Waren im Ausland teurer werden.

Ein weiterer Knackpunkt bleibt die noch immer niedrige Inflation, die im Februar auf 1,4 Prozent gesunken ist. Sie ist damit so niedrig wie seit vergangenem Juli nicht mehr und weit entfernt von der Zielmarke von rund 2 Prozent, die die EZB anstrebt. Vor diesem Hintergrund wird die Wortwahl der europäischen Notenbanker zur Sitzung am 8. März mit großer Spannung erwartet. Anders in den USA: Hier sind 2018 drei bis vier Zinsschritte möglich.

Der Interhyp-Expertenrat

Der jüngste kleine Zinsanstieg bei Immobiliendarlehen sollte Interessenten nicht verunsichern. Er verteuert zwar das Darlehen auf Zehnjahressicht um einige Tausend Euro. Falls dies jedoch die gesamte Finanzierung in Frage stellt, war diese ohnehin zu knapp kalkuliert. Doch wie sieht eine solide Kalkulation aus? Wir empfehlen zunächst einen Kassensturz, um die eigene Einnahmen- und Ausgabensituation zu eruieren. Darüber hinaus sollten Immobilieninteressenten Eigenkapital in Höhe von mindestens 20 Prozent einbringen können. Die Rückzahlungsgeschwindigkeit sollte so gewählt sein, dass dem Kreditnehmer finanziell Luft zum Atmen bleibt. Eine Anfangstilgung von drei Prozent bleibt im aktuellen Zinsumfeld weiter unser empfohlenes Minimum. Insbesondere in stark nachgefragten Immobilienmärkten empfehlen wir Interessenten eine rechtzeitige Vorausberatung, zudem sollten sie sich eine Finanzierungsbestätigung geben lassen. Beides hilft: Einerseits kann man so den finanziellen Spielraum abstecken, anderseits hat man bei der Immobiliensuche eine realistische Chance.

Kurz und knapp: Das sagen die Experten

Die meisten Experten erwarten nach dem aktuellen Zinsanstieg zunächst eine Seitwärtsbewegung. Einige der Befragten rechnen sogar erst Mitte 2019 mit merklich steigenden Zinsen.

Im Detail: Die Aussagen der Experten im Interhyp-Bauzins-Trendbarometer

  • Allianz: "Die Notenbanken signalisieren einen langsamen Rückzug aus der hohen Liquiditätsversorgung. Die Zinsen werden mittelfristig steigen. Kurzfristig sollte der seit Jahresanfang beobachtete Zinsanstieg alle Erwartungen ausdrücken und deshalb wird auf diesem Niveau eine Konsolidierung erwartet."
  • Commerzbank: "Im Euroraum gibt es wenige hausgemachte Gründe für deutlich höhere Renditen. Der unterliegende Inflationstrend dürfte im Jahresverlauf weiter schwach bleiben und die EZB dürfte die Zinsen nicht wie vom Markt erwartet bereits Anfang 2019 anheben. Die größten Risiken für Bundesanleihen bestehen damit durch den US Treasury-Markt. Eine expansive Fiskalpolitik bei Vollbeschäftigung hat es so noch nie gegeben. Die Fed sollte damit mit ihren Zinserhöhungen fortfahren."
  • HypoVereinsbank: "Nach dem starken Renditeanstieg in den vergangenen Wochen hat sich der Markt aktuell etwas beruhigt. In der Spitze war die Rendite 10j. Bundesanleihen seit Mitte Dezember um 50 Basispunkte bis auf 0,80 Prozent gestiegen. Derzeit preist die (Forward-)Kurve in der Eurozone eine nachvollziehbare Erwartung hinsichtlich der mittelfristigen Leitzinsentwicklung ein. Der Einlagensatz der EZB wird zum Jahreswechsel 2019/20 bei 0,00 Prozent gesehen. Neue Impulse für eine geschärftere Erwartungshaltung sehen wir in den kommenden Wochen nicht. Mittelfristig dürfte sich ein Trend graduell nach oben verschiebender Renditen durchsetzen."
  • ING-DiBa: "Die Inflationsangst ist unserer Meinung nach überzogen. In den USA sollte die FED nicht mehr als drei Mal den Leitzins dieses Jahr erhöhen. In der Eurozone steht eine Leitzinserhöhung nicht vor Mitte 2019 an. Daher sollten die Märkte sich wieder beruhigen. Kurzfristig könnten die Kapitalmarktzinsen sogar wieder sinken, zum Jahresende sollten sie kaum über ihren aktuellen Niveaus stehen."
  • MünchenerHyp: "Nachdem zuletzt die Kapitalmarktzinsen etwas angestiegen sind, rechnen wir kurzfristig mit einer Stabilisierung des Rentenmarktes und gleichbleibenden Zinsen. Die EZB wird aufgrund niedriger Inflationsdaten die Markterwartungen bzgl. einer frühzeitigen Straffung der Geldpolitik enttäuschen. Mittelfristig sollten die positiven Konjunkturdaten und die Beendigung des Kaufprogramms der EZB zum Jahresende für weiter steigende Kapitalmarktzinsen sorgen."
  • Postbank: "Nachdem die deutschen Kapitalmarktrenditen im Zeitraum Mitte Dezember 2017 bis Ende Januar 2018 kräftig gestiegen waren, hat seither auf erhöhtem Niveau eine Konsolidierung eingesetzt. Aktuell liegt die Rendite 10-jähriger Papiere mit 0,66% aber immer noch um rund 35 Basispunkte über ihrem Niveau von Mitte Dezember. War der vergangene Anstieg primär von - angesichts höherer Inflationserwartungen - steigenden US-Zinsen getrieben, dürften im weiteren Jahresverlauf Konjunktur- und Inflationsdynamik im Euroraum und die Reaktion der EZB hinsichtlich einer zukünftig strafferen Geldpolitik stärker in den Fokus rücken. Wir gehen weiterhin davon aus, dass die EZB ihr aktuell noch bis September 2018 laufendes Anleiheankaufprogramm noch einmal um drei Monate für ein "finales Tapering" verlängert und die Netto-Anleiheankäufe zum Ende dieses Jahres vollständig einstellt. Mit einer ersten Leitzinsanhebung im Euroraum rechnen wir dann zur Jahresmitte 2019. Die Rendite 10-jähriger Bundesanleihen dürfte vor diesem Hintergrund auf Sicht von zwölf Monaten auf 1,25 Prozent steigen, was sich auch bei den Zinsen für längerfristige Hypothekendarlehen widerspiegeln sollte."
  • PSD Bank RheinNeckarSaar: "Unserer Einschätzung nach wird die EZB ihre aktuelle Geldpolitik kurzfristig nicht grundlegend ändern. Mittelfristig haben wir aber die Erwartung, dass die EZB peu à peu die Richtung einer geldpolitischen Normalisierung einschlägt."
  • Sparkasse zu Lübeck: "Nach dem deutlichen Anstieg der langfristigen Zinsen seit Dezember des vergangenen Jahres gehen wir von einer vorübergehenden Seitwärtsbewegung aus. Auf mittlere Sicht erwarten wir weiterhin leicht steigende Renditen."

Quelle: Interhyp

Urheber der Bilder:

nach oben
Menü